Wichtiger als jede inhaltliche Deutung meiner Malerei ist ihr Entstehungsprozess, das Gespräch mit dem Bild. Dem Unbewussten, eher „Zufälligen“, lasse ich Raum, begegne ihm und entwickle mit ihm gemeinsam das, was nach Tagen oder Wochen der Auseinandersetzung, Schicht um Schicht zu dem wächst, was letztlich „akzeptiert“ wird.

Die Farbe als Stoff, als Materie spielt bei meinen Bildern eine wichtige Rolle. Pigmente, Lacke, Erden und Gesteinsmehle wachsen in vielen sehr flüssigen Farbaufträgen allmählich zu komplexen reliefartigen Strukturen heran. Farben setzen sich über die wenigen Linien und angedeuteten Konturen hinweg, verselbstständigen sich, überlagern, verdecken, scheinen Verborgenes zu beschützen. Schicht um Schicht fügen sich auf diese Weise gespeicherte Informationen verschiedener Malprozesse zusammen.

Schon beim nächsten Bild ist keine Form, kein Material, keine Farbe festgelegt, alles beginnt aufs Neue, weit entfernt von einem erkennbaren „Ziel“. Und doch entsteht letztlich ein Bild mit der Idee einer Natur, einer Umgebung, einer Welt, nicht als Bild von ihr, sondern als persönliche Interpretation wahrgenommener Außenwelt.

Umberto Eco philosophierte 1962 über das „offene Kunstwerk“ und sagte: „In einer Welt, in der die Diskontinuität der Phänomene die Möglichkeit für ein einheitliches und definiertes Weltbild in Frage gestellt hat, zeigt sie (die informelle Malerei) uns einen Weg, wie wir diese Welt, in der wir leben, sehen und damit anerkennen und unsere Sensibilität integrieren können. Ein offenes Kunstwerk stellt sich der Aufgabe, uns ein Bild von der Diskontinuität zu geben: Es erzählt sie nicht, sondern ist sie. Es vermittelt zwischen der abstrakten Kategorie der Wissenschaft und der lebendigen Materie unserer Sinnlichkeit und erscheint so als eine Art transzendentalem Schema, das es uns ermöglicht, neue Aspekte der Welt zu erfassen.“

Umberto Eco, Das offene Kunstwerk, Frankfurt 1977, S. 164



Auszug aus der Eröffnungsrede zur Paarausstellung

„Wandel als Prinzip“ – Georg Weber und Maria Wuch

Maria Wuch ist die Frau mit den drei Leben: Eigentlich mal bei Max Imdahl angefangene Studentin der Kunsthistorik, dann füllte sie lange Jahre den Lehrerinnenberuf aus. Nach dem Lehrberuf folgte die Erwachsenenbildung und die Intensivierung der eigenen künstlerischen Tätigkeit.

Von diesen ganz verschiedenen Leben zeugen die vielen Schichten in ihren Bildern. Ihre Arbeiten sind nicht nur viel-schichtig sondern es sind im wahrsten Sinne des Wortes schwere Werke. Die Künstlerin greift nicht einfach mal so zu Pinsel und Farbe um diese auf die Leinwand aufzutragen … Ihre Werke sind in besonderer Weise „gelitten“ und eher schrundig. Und tatsächlich ist die Künstlerin immer wieder mit Materialien beschäftigt, an denen sie selbst auch mehr oder weniger deutlich den Abrieb spüren kann. Obwohl der eine Teil dieser Ausstellung zwar Bildhauerei ist (die Werke von Georg Weber), ist in den Arbeiten (Malerei) von Maria Wuch ebenso ganz viel Bildhauerei zu spüren. So finden sich z.B. Tonerden und dicke Farbaufträge, Gesteinsmehle, Sande und Lacke auf der Leinwand wieder.

Die Arbeiten von Maria Wuch haben keine Titel. Das ist ihr Prinzip, denn in jedem Werk erfindet sie sich neu, reizt ihre künstlerischen Möglichkeiten vollkommen aus. Wenn man also jetzt hier tiefgründig herangehen möchte muss man sich selbst auf den Weg machen, auf die Suche z.B. nach den einzelnen Zuständen vielleicht, nach Spuren von Wachstum und Bewegung …

Maria Wuch hat sich genau den Weg gewählt, der eben dieses Unbestimmte, nach einem neuen Pfad suchende, zum Inhalt der eigenen Beschäftigung macht. Inzwischen sind die Arbeiten entwickelt und gereift, sind optisch überhaupt nicht schwer, da häufig ganz leichte Gewebe von Farbigkeiten, von Erde und verschiedenen Materialien in zarten „Schleiern“ übereinander lagern, so dass das Bild quasi gewachsen und verwoben scheint.

Es entstehen Werkreihen mit seriellem Charakter … bestimmte Materialien und farbige Wirksamkeiten ziehen immer wieder Spuren. Man merkt von vorneherein: Die Arbeit hat nichts Beliebiges, sondern in jedem Punkt gibt es eine sehr ernsthafte Beschäftigung mit etwas Neuem.

… Maria Wuch sucht nach der Verwandlung, nach der Metamorphose um z.B. mit Farbe und diversen Techniken, mit besonderen Mitteln zu experimentieren und dann etwas, was eigentlich nicht zusammengehört – also z.B. den Ton und die Leinwand – in eine neue Form zu fügen. Wenn sie diese Werke von der Seite her anschauen, dann ergibt sich häufig eine „neue“ Welt, eine (Erd-)Oberfläche. Viele Arbeiten schimmern, haben etwas Mineralisches. Und auch dieses Widerspiel von schimmernden und matten Partien macht die Arbeiten in besonderer Weise lesbar und hat vor allen Dingen einen haptischen Reiz – worin wir erneut den Bezug zur Bildhauerei erkennen können …

Colmar Schulte-Goltz, Kunsthistoriker und Galerist, 2010



Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „naturbetrachtungen" beschreibt Kerstin Gralher Beauftragte für Kunst und Kultur der Evangelischen Kirche von Westfalen, die Bilder wie folgt:

 "...so sehen wir Bilder, deren Beschichtung so vielfältig und dicht ist, dass sie fast schon reliefähnlichen Charakter bekommen. Es sind vornehmlich Acrylfarben, die gestreckt, ergänzt und versetzt werden mit anderen Flüssigkeiten, mit Pigmenten, Erden, Wachs. Manches scheint nur dank der Farbe auf der Leinwand zu halten. Durch die Schichtung und Übermalung entstehen Durch- und Einblicke. Manches wird auch wieder verdeckt und verhüllt und verbirgt sich vor einer Durchdringung.

Maria Wuch braucht Geduld für ihre Arbeiten, denn die Schichtungen, die sie aufträgt, halten nur, wenn alles gut getrocknet ist. Also arbeitet sie immer an verschiedenen Bildern gleichzeitig. Das hat etwas sehr Meditatives — so wie die Bilder Zeit brauchen, um weiter bearbeitet werden zu können, braucht Maria Wuch Zeit, um sich auf die Gegebenheiten einzulassen, die sie selbst schafft. Gerade bei den überwiegend gemalten Bildern entstehen durch die Eigenschaften der verwendeten Materialien viele Freiräume — oder Beschränkungen (das ist eine Frage der Perspektive). Die Farbverläufe, Bewegungen, Verdickungen bestimmen selbst wie es weitergeht. Dieses Wachsen-lassen hat etwas zutiefst Organisches, Naturhaftes. Die Reaktion der Künstlerin darauf wird stark vom Vorgefundenen bestimmt. Eigene Präferenzen, persönliche Vorlieben werden zu einem entscheidenden Kriterium dafür wie mit den Zwischenergebnissen umzugehen ist. Maria Wuch spricht davon, dass ihr ihre Bilder fast wie ein Gegenüber erscheinen, welches eine eigene Dynamik und eigene Herausforderungen bereithält. Diese Zwiesprache mit dem Kunstwerk ist auch ein Dialog mit der inneren Natur des Menschen — nicht nur des schöpfenden und schaffenden, sondern auch des betrachtenden Menschen. Das Dialogische birgt vor allem aber ein Moment der Freiheit, das zunächst völlig unkalkulierbar ist und auf das sich Maria Wuch einzulassen hat, wenn aus Material und Farben tatsächlich ein Bild, etwas Geschaffenes und Gestaltetes werden soll."




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